Blaue Stunde von Gottfried Benn

Zum gestrigen Valentinstag habe ich etwas Nachdenkliches für euch, ein Gedicht von Gottfried Benn aus dem Jahre 1950 (den ersten Teil).

BLAUE STUNDE

Ich trete in die dunkelblaue Stunde –
da ist der Flur, die Kette schließt sich zu
und nun im Raum ein Rot auf einem Munde
und eine Schale später Rosen – du!

Wir wissen beide, jene Worte,
die jeder oft zu anderen sprach und trug,
sind zwischen uns wie nichts und fehl am Orte:
Dies ist das Ganze und der letzte Zug.

Das Schweigende ist so weit vorgeschritten
und füllt den Raum und denkt sich selber zu
die Stunde – nichts gehofft und nichts gelitten –
mit ihrer Schale später Rosen – du.

Rainer Maria Rilke: Die Engel

Ich bin krank, Halsweh und Schnupfen, bleibe daher zuhause. Also habe ich Zeit für ein Gedicht – und das lasse ich auch euch gerne zukommen. Nicht sehr originell, vielleicht kennt ihr es schon – „Die Engel“

Sie haben alle müde Münde

und helle Seelen ohne Saum.

Und eine Sehnsucht (wie nach Sünde)

geht ihnen manchmal durch den Traum.

 

Fast gleichen sie einander alle;

in Gottes Gärten schweigen sie,

wie viele, viele Intervalle

in seiner Macht und Melodie.

 

Nur wenn sie ihre Flügel breiten,

sind sie die Wecker eines Winds:

als ginge Gott mit seinen weiten

Bildhauerhänden durch die Seiten

im dunklen Buch des Anbeginns.

 

Christian Morgenstern „Die Trichter“

 

Zum Abschied noch ein kleines Gedicht von Christian Morgenstern „Die Trichter“

Zwei Trichter wandeln durch die Nacht.

Durch ihres Rumpfs verengten Schacht

fließt weißes Mondlicht

still und heiter

auf ihren

Waldweg

u.s.

w.

Ich wünsche euch eine schöne Zeit und bis bald! Hania

Ernst Jandl : Familienfoto

FAMILIENFOTO

der vater hält sich gerade

die mutter hält sich gerade

der sohn hält sich gerade

der sohn hält sich gerade

der sohn hält sich gerade

der sohn hält sich gerade

der sohn hält sich gerade

die tochter hält sich gerade

die tochter hält sich gerade

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