Zum Tod von Friederike Mayröcker

Am 4. Juni, heute vor 4 Tagen, ist die österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker verstorben. Für mich war sie eine außergewöhnliche Literatin und große Poetin, auch wenn ich nicht viele ihrer Texte wirklich geliebt habe. Zu spröde, zu schwierig sind sie auch mir meist gewesen. Dennoch, ihre leidenschaftliche, ja schon beinahe manische Beschäftigung mit der Sprache hat mich fasziniert. Und sie, die den Tod für eine Zumutung hielt, hat ihm 96 Jahre widerstanden. Ich präsentiere euch nun ein kleines Gedicht von ihr:

eines Lebensabschnittes Bestandaufnahme

in meinem Tornister
ein Thymianstämmchen
zwei Münzen
ein stumpfer Bleistift
zerknitterte Notizen
Keksbrösel
eine grüne Wäscheklammer
die Visitkarte einer japanischen Germanistin
ein zerbrochener kleiner Kamm
Dalís Ameisen auf einem verschatteten Notenblatt

Wer ein wenig mehr über Friederike Mayröcker erfahren will, kann eine wunderbare Sendung von Eva Schobel im Österreichischen Rundfunk noch bis Samstag Abend hier nachhören.

Sie wird ganz sicher niemals vergessen!

Kinder, wie die Zeit vergeht …

Manche von euch sind vielleicht noch voll berufstätig und denken noch gar nicht an die Pension. Andere warten vielleicht schon darauf, und wieder andere genießen sie bereits – die Pension. Elfriede Gerstl hat ein kleines, bösartiges Gedicht zu diesem Thema verfasst, und ich habe heute ein Foto dazu gemacht.

Gebrochen durch Statistiken

und in Fragebogen erfasst

ruhst du sanft

im Fernsehwinkel

bis dir die Rente winkt

Elfriede Gerstl, Mittellange Minis, Literaturverlag Droschl

Vorsatz für 2021

Für die Zeit nach dem jetzigen Lockdown, nach dem social distancing, nach der Pandemie (hoffentlich bald im Jahre 2021) präsentiere ich euch einen Vorsatz von Erich Fried:

FESTER VORSATZ

Denn wir wollen uns

nicht nur herzen

sondern auch munden

und hauten und haaren

und armen und brüsten und bauchen

und geschlechten

und wieder handen und fußen

(aus Erich Fried: Es ist was es ist, Verlag Klaus Wagenbach 1989, S. 30)

Mondnacht (Rainer Maria Rilke)

Mondnacht (Rainer Maria Rilke)

 

Süddeutsche Nacht, ganz breit im reifen Monde,

und mild wie aller Märchen Wiederkehr.

Vom Turme fallen viele Stunden schwer

in ihre Tiefen nieder wie ins Meer, –

und dann ein Rauschen und ein Ruf der Ronde,

und eine Weile bleibt das Schweigen leer;

und eine Geige dann (Gott weiß woher)

erwacht und sagt ganz langsam:

Eine Blonde

aus: Rainer Maria Rilke Die Gedichte, Insel Verlag 2015, Seite 318

 

Blaue Stunde von Gottfried Benn

Zum gestrigen Valentinstag habe ich etwas Nachdenkliches für euch, ein Gedicht von Gottfried Benn aus dem Jahre 1950 (den ersten Teil).

BLAUE STUNDE

Ich trete in die dunkelblaue Stunde –
da ist der Flur, die Kette schließt sich zu
und nun im Raum ein Rot auf einem Munde
und eine Schale später Rosen – du!

Wir wissen beide, jene Worte,
die jeder oft zu anderen sprach und trug,
sind zwischen uns wie nichts und fehl am Orte:
Dies ist das Ganze und der letzte Zug.

Das Schweigende ist so weit vorgeschritten
und füllt den Raum und denkt sich selber zu
die Stunde – nichts gehofft und nichts gelitten –
mit ihrer Schale später Rosen – du.